Das Projekt „Babylotse der Charité“

Projektleitung: Dr. Christine Klapp, Prof. Dr. Wolfgang Henrich    
Koordination, Qualitätsmanagement: A. Mindel-Hennies, E. Müller-Heck
Kontakt: OÄ Dr. Christine Klapp; t: +49 30 450 664 067

Was ist das Projekt „Babylotsen der Charité“?

Das Projekt „Babylotse der Charité“ ist ein Modellprojekt der Bundesinitiative Frühe Hilfen. Es eröffnet frühzeitig die Möglichkeit, Belastungen von Eltern rund um die Geburt zu erkennen und gemeinsam mit ihnen einen Hilfeplan zu erstellen. Durch die passgenaue Unterstützung und/oder die Vermittlung konkreter Anlaufstellen in Wohnortnähe sowie gegebenenfalls von Hilfen zuhause können Überforderungen rechtzeitig vermieden werden. Dies erleichtert es Eltern, "gute Eltern" zu sein.

Die Möglichkeit zur Beratung und Unterstützung steht allen Eltern offen, selbst wenn wir keine objektiven Belastungen gefunden haben.

Das Angebot ist für alle Eltern kostenlos.

Warum so früh?

Ein erfolgversprechender früher Schutz für Kinder sollte früh, spätestens aber um die Geburt herum beginnen. Zu diesem Zeitpunkt sind Familien besonders bereit, Rat und Hilfe anzunehmen. Der hierbei hergestellte Kontakt wird im Laufe der ersten zwei Lebensjahre von den Müttern/Eltern gern genutzt. Das eröffnet ihnen und uns die Möglichkeit, Überforderungen rechtzeitig zu erkennen und die passende Unterstützung durch das bereits bestehende Hilfesystem zu vermitteln.

Wie arbeiten wir?

Basis des differenzierten Frühwarnsystems ist eine spezielle Anamnese anhand eines Anhaltsbogens (im Forschungsprojekt "Babylotse-Plus-Screeningbogen" genannt), den wir auf seine Sensitivität und Spezifität überprüft haben (siehe Bundesgesundheitsblatt 10/2016). Zusätzlich werden unspezifische Wahrnehmungen seitens des qualifizierten Personals (Hebammen, (Kinder-)Krankenschwestern, Ärzte) systematisch aufgenommen und ausgewertet.

Die Anamnese erfolgt durch Hebammen, Krankenschwestern/Medizinische Fachangestellte und/oder Ärzte. Die Babylotsinnen werten die Bögen aus. Finden sie Hinweise auf mögliche Überforderungen, bieten sie der Mutter/den Eltern ein ausführliches, persönliches Gespräch an, in dem sie diese Belastungen verifizieren und möglichen Ressourcen gegenüberstellen. Häufig werden Probleme bereits in diesem ausführlichen Gespräch aufgefunden und können noch im Laufe der Beratung gelöst.

Im Bedarfsfall wird den Eltern eine auf sie zugeschnittene individuelle Unterstützung und Begleitung vermittelt. Die Eltern werden in die Charité-internen Hilfesysteme (Sozialdienst, Elternberatung, Psychosomatische Sprechstunde, Infektambulanz, Charité gegen Gewalt, Kinderschutzgruppe etc.) weitergeleitet. Falls nötig erhalten sie konkrete Adressen, Namen und Telefonnummern der Ansprechpartner in bereits bestehenden externen Hilfesystemen (KJGD, Jugendamt, Familienhebammen u.a.) oder sie werden durch die Babylotsinnen direkt dorthin vermittelt. Durch diese konkreten Hilfsangebote sinkt die Hemmschwelle, Unterstützung anzunehmen. Die bestehenden Hilfestrukturen können effizient genutzt werden.

Nach 3-4 Wochen und nach 3-4 Monaten nehmen die Babylotsinnen telefonisch Kontakt zu den Eltern sowie zu der Einrichtung, in die vermittelt wurde, auf, wie dies vorab mit den Müttern/Eltern vereinbart wurde. Bei diesem „Monitoring“ soll geklärt werden, ob die Familie im Hilfesystem angekommen ist und ob die benannten Probleme gelöst worden sind.

Darüber hinaus können alle Familien auch von sich aus bei den Babylotsinnen anfragen, wenn sie Rat, Adressen für Anlaufstellen oder andere Unterstützung benötigten.

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Warum brauchen wir das Projekt?

Im ersten Lebensjahr sterben mehr Kinder infolge von Vernachlässigung und Misshandlung als in jedem späteren Alter. Laut Statistischem Bundesamt können mehr als ein Drittel aller tödlichen Verletzungen bei Säuglingen auf Gewalthandlungen zurückgeführt werden. Die Rate der tödlichen Verletzungen durch Gewalteinwirkung gegen Säuglinge ist in der Zeit zwischen 2001 und 2010 auf konstant hohem Niveau geblieben. 2013 wurden in Deutschland 153 Kinder tödlich misshandelt, 113 davon waren unter 6 Jahre alt (Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes, nach Tsokos: Zu den Grenzen eines effektiven Kinderschutzes, in: Berliner Ärzte, 10/2014).

Überforderung, fehlende familiäre Unterstützung, Depression und andere psychische Störungen der Eltern, Drogen- und insbesondere Alkoholkonsum und -abusus sowie fehlende oder ungenügende Eltern-Kind-Bindung können dem vorausgehen. Aber auch andere Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Überschuldung und allgemeine Schwierigkeiten bei der Integration können Vernachlässigung und Misshandlung, ungenügende/unterlassene Aufsicht, Gedeihstörungen (z.B. Unterernährung/invasives Füttern), Schütteltrauma, andere Misshandlungen und emotionale Vernachlässigung mit lebenslangen Folgen verursachen (Filsinger et al 2008; Siefert 2006).

Eine Auswertung von 19 Hilfsprojekten in elf Bundesländern durch das Deutsche Jugendinstitut 2008 hat deutlich gemacht, dass nur ein systematischer und umfassender Zugang zu allen Familien, den primär das Gesundheitssystem ermöglicht, die Grundlage dafür bietet, Risiken zu einem frühen Zeitpunkt zu erkennen und dann gezielt Hilfe leisten zu können (Öffnet externen Link im aktuellen Fensterwww.fruehehilfen.de).

Trotz der Bemühungen seitens des Gesetzgebers (Bundeskinderschutzgesetz 2012 und Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz/KKG) und trotz des hohen Engagements des sozialen Hilfesystems (KJGD, Familienhebammen u.v.a.m.) sowie privater und caritativer Initiativen gelingt es nicht ausreichend, jungen Familien rechtzeitig die notwendige Hilfe zukommen zu lassen und damit ein bestmögliches Aufwachsen der Kinder zu ermöglichen.

Der Berliner Senat hat das Netzwerk Kinderschutz auf eine gesetzliche Grundlage gestellt. Alle Erst-Eltern werden nach der Geburt durch eine gut funktionierende Struktur, die von vielen Eltern sehr geschätzt wird, besucht. Allerdings kann es sein, dass – außer bei bekannten Risiken – dieser erste Besuch erst einige Wochen bis Monate nach der Geburt stattfindet. Eine Überforderungssituation der Eltern setzt aber – unerkannt – oft schon direkt nach der Geburt ein, sodass Hausbesuche oder Aufforderungen zu den Routineuntersuchungen, wie sie im „Verbindlichen Einladungswesen“ vorgesehen sind, womöglich (zu) spät kommen.

Zudem ist vielen jungen Eltern das bestehende Angebot an Unterstützungen nicht bekannt oder die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen und anzunehmen, ist zu hoch (Soziale- oder Sprachbarrieren etc.).

Nicht zu unterschätzen ist auch der Anteil von jungen Eltern, die ihre eigene Überlastungssituation viel zu spät oder gar nicht erkennen (z.B. bei postpartalen Depressionen etc.).

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Seit wann gibt es das Projekt?

Mit dem Aufbau des Projekts wurde im April 2012 begonnen. Die Anschub-Finanzierung konnte bisher immer wiederzeitweise über Stiftungen, Spenden von Firmen und Privatpersonen und aus Mitteln der Bundesinitiative Frühe Hilfen gesichert werden – eine Regelfinanzierung besteht leider nicht.

Das Projekt wird laufend evaluiert

Durch die Auswertung der Anhaltsbögen sowie der Beratungsverläufe erheben wir monatlich Daten zur Inanspruchnahme der Babylotsinnen, zum Bedarf an Beratung, zur Vermittlung und vielem mehr. Die Evaluationsergebnisse zeigen eine kontinuierlich hohe Rate an Beratungsbedarf. Dies ist unter anderem durch die Lage der Klinikstandorte in sozialen Brennpunkten und auch durch das besondere Versorgungsprofil einer Universitätsklinik mit vielen Risikoschwangerschaften erklärbar.

Zusätzlich zu unserer eigenen Evaluation arbeiten wir gemeinsam mit allen Babylotse-Projekten Deutschlands im "Qualitätsverbund Babylotse". Hier werden die qualitativen Standards weiter entwickelt und abgestimmte Kennzahlen ausgewertet.

Die Babylotsinnen führen das Risikoscreening derzeit bei > 82% aller etwa 5.345 Geburten/Jahr durch. 38% aller Familien weisen Belastungsfaktoren auf, denen in einem klärenden Gespräch nachgegangen wird.

579 Familien benötigen darüber hinaus Unterstützung von bestehenden Strukturen (Weiterleitung intern/innerhalb der Charité + Weiterleitungen extern), an die sie weitervermittelt werden (alle Zahlen: Stand 06/2017).

An welche externe Hilfsstrukturen die Mütter/Familien weitergeleitet wurden, zeigt die folgende Grafik.

Wie geht es weiter?

Inzwischen hat sich eine intensive und konstruktive Zusammenarbeit mit den Hilfesystemen, nicht nur in den Bezirken Mitte und Wedding, sondern mit vielen anderen Berliner Bezirken entwickelt, wodurch sich schnelle und erfolgreiche Hilfswege eröffnen.

Das Präventionsprojekt "Babylotse der Charité" wird auch von solchen Familien in hohem Maß akzeptiert, die sich üblicherweise dem Hilfesystem entziehen. Dabei erleichtert „Babylotse“ spürbar den Kontakt zwischen dem KJGD (Kinder-Jugend-Gesundheitsdienst) und den Jugendämtern der Bezirke zu den Familien.

Babylotsinnen – jetzt an sechs Kliniken in Berlin

Inzwischen (Mai 2017) gibt es Babylotsinnen auch im Vivantes Klinikum Neukölln, im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau, im St. Joseph-Krankenhaus (Tempelhof), im Sana-Klinikum Lichtenberg und im Helios-Klinikum Berlin-Buch. In den sechs Geburtskliniken mit Babylotsen werden 52% aller Kinder Berlins geboren. Wir hoffen, dass das Projekt bald auch noch in weiteren Berliner Geburtskliniken beginnen kann.

Weitere Informationen und Adressen zu den Berliner Babylotsinnen siehe hier.

Die Finanzierung des Projekts

Die Finanzierung des Projekts „Babylotse der Charité“ an den Standorten Campus Virchow-Klinikum (CVK) und Campus Charité Mitte (CCM) wird durch verschiedene Stiftungen, Spenden von Firmen, Beiträge privater Spender sowie das Bezirksamt Mitte getragen. Sie unterstützen unsere Arbeit intermittierend bis zum 31.12.2017.
Mehr zu Spendern, Sponsoren...

Sie wollen uns auch unterstützen?

Wir freuen uns sehr, wenn Sie dazu beitragen möchten, unser Projekt am Leben zu erhalten und bedanken uns schon im Voraus für Ihr Engagement!

Unsere Kontonummer zur Direktüberweisung sowie ein Spendenformular der Charité Berlin finden Sie hier

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"Babylotsen im Einsatz"  Wie Ihnen eine Babylotsin helfen kann, können Sie in diesem Film des RBB sehen.

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"Guter Start in die Familie – Frühe Hilfen verstehen und verwirklichen"  Einblicke in unsere Arbeit gibt ein Lehrfilm mit Trickfilmsequenzen des NZFH. Zum Trailer des Lehrfilms (3,5 Min) und um die DVD zu bestellen, dort auf der Seite nach unten scrollen.

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Babylotsen Info-Folder zum Herunterladen

Spendenkonto "Babylotse der Charité"

Charité-Universitätsmedizin
Bank für Sozialwirtschaft
Verwendungszweck: Babylotse/Spende
  
IBAN: DE 3610 0205 0000 0322 0200  
BIC: BFSWDE33BER